GEGENWELTEN UNTER TAGE – YVES NETZHAMMER bei THE VIEW

YVES NETZHAMMERS Videoarbeiten müssen ausgehalten werden. Meist inszeniert in ortspezifischen Installationen und durchzogen von einer musikalischen Tonspur (komponiert von Bernd Schurer) präsentieren sie sich als Komponenten skulpturaler Großereignisse im Raum. Auch für THE VIEW – Contemporary Art Space hat YVES NETZHAMMER individuell ortsspezifische Installationen geschaffen. Unter dem Titel ALTE VERSTECKE IN NEUEN RÄUMEN wird neben der Präsentation zweier bereits bestehender Filme Dialogischer Abrieb (2011) und Vororte der Körper (2012) auch die neue Arbeit Formales Gewissen (2013) im Rahmen der Ausstellung uraufgeführt werden.  

Die Reise durch das filmische Triptychon beginnt im Salensteiner Zivilschutzbunker. Eingebettet in einen Drahtkäfig vor den Schlafmöglichkeiten trifft der Besucher im ersten Raum auf den Dialogischen Abrieb. Die Situation eines Autounfalls wird diskontinuierlich in Bildern nachempfunden. Es ist ein visueller, fragmentarischer Bericht über ein Leben. Im zweiten Raum dann findet sich der Betrachter in einer im Neonlicht flackernden Geräuschkomposition zwischen von Schnüren zusammengehaltenen Türen und  Eimern wieder. Ein Seilzug. Eine Schere am Boden. Handabdrücke.

Im Wasserreservoir in Berlingen wird die Begegnung die am ersten Ausstellungsort statt gefunden hat fortgeführt. Nach einem Abstieg in die Tiefen des alten Wasserspeichers durchquert der Besucher die erste Halle. Dort wird er zunächst mit einer schwarzen, von Handabdrücken bedeckten, raumhohen skulpturalen Installation konfrontiert. Mittels eines Duchrgangs wird der nächste Raum mit der zweiten Videoarbeit erreicht. Der dort gezeigte Film Vororte der Körper schließt an die erste Videoarbeit an: Der Betrachter entdeckt verwandte Szenen (eine Figur auf einer Parkbank), Gesten (Schulterkratzen) und Elemente (fliegendes Papierblatt). Auch hier finden sich Spiegel- und Schattensituationen sowie Momente der Transformation, des Zoomens, der Verschmelzung. 

Abgeschlossen wird der dreiteilige Videozyklus mit der Arbeit Formales Gewissen im militärischen Unterstand in Berlingen. Versteckt an der Straße findet sich im Wald eine ungewöhnliche Bank neben einem wohl getarnten Höhleneingang. Betritt der Besucher die Schwärze der feucht-kalten Höhle, läuft er auf ein mit Kissen gefülltes Möbel aus Holz zu. Das kommodenartige Element wirkt mit seinen weichen Polstern absurd heimelig in der ungastlichen Umgebung des Unterstands. Rechts durch den schmalen Gang wird in ein größeren Raum erreicht der mit einem Bett und einer Zeltkonstruktion bedacht ist. Gemeinsam mit dem seltsamen Interieur findet sich schließlich auch, geworfen an die unebenmäßige, wellige Steinwand des Bunkers der dritte Film. Auch in Formales Gewissen werden die bereits bekannten Bilder von Vervielfachung der Körper, Fortbewegung (Auto, Flugzeug, Boot) und Tropfenformen (in jedem Film farblich unterschiedlich gestaltet) wieder aufgegriffen.

Die Themen von YVES NETZHAMMER sind von elementarer Natur: Liebe, Angst, Schmerz, Leben, Einsamkeit. Sein Mittel sie zu erforschen ist die Verwandlung in Bilder. Die Hüllen, die er seinen Ideen gibt, sind in gewisser Weise hochfunktional. Auch wenn man der glatten, sauberen Oberfläche seiner computergenerierten Welt einen ästhetischen Genuss entziehen muss, so werden doch seine Bilder erst sensibel, wenn man sie mit der eigenen Erfahrungswelt und mittels Assoziationsketten aktiviert. Die unspezifische Erscheinung seiner Welt in der des Betrachters bietet sich sowohl als Speicherort wie auch als Projektionsfläche an. Naturalismus ist hier nicht von Interesse.

Und dennoch: bei aller Sterilität ist Sinnlichkeit vorhanden. Der Betrachter adaptiert die ihm verwandt erscheinenden Formen in den eigenen Sinnesapparat. Er setzt in sich um, wofür die Objekte im Bild als radikales Zeichen stehen. Radikal deshalb, da das Geschehen im Bild oft nicht nur surreal sondern auch ungewöhnlich brutal erscheint. Die Heftigkeit der Ereignisse im Bildgeschehen scheint dort nicht wahrgenommen zu werden. Dennoch (oder genau deshalb) wirkt es, als würde dieses Geschehen den Kontakt zum Betrachter herstellen. Dieser bildet mit seinem eigenen Körper und dessen Erfahrungen den sinnlichen Resonanzkörper für das visuell erzählte. Das Geschehene wird gefühlt, nicht verstanden. Verstehen besteht nur in soweit, als das die Zeichen der NETZHAMMERschen Welt als so universell gültig auftreten, dass sie über das Auge in Geist und Körper nachvollziehbar sind. Das über-reale bleibt ihnen Anschlusspunkt und Moment der Befremdlichkeit.

Text: Anna Emmerling