Dass der geneigte Betrachter immer selbst einen gewissen Anteil am Werk selbst leistet, ist in der Kunstwissenschaft bereits seit geraumer Zeit ein Thema. Dass jener Betrachter aber so existenziell in die Kreation eines Kunstwerks mit eingebunden wird wie bei den Arbeiten des österreicherischen Künstlerdous CHRISTA SOMMERER & LAURENT MIGNONNEAU, ist eher eine Ausnahme. Die kreativen Environments, die sich ohne die aktive Teilnahme des Betrachters wie ein unbespieltes Bühnenbild präsentieren, laden dazu ein, sich am Gestalten, Werden und den Ereignissen einer anderen Welt zu beteiligen. Über Kontakte und Handlungen des Betrachters werden Prozesse aktiviert, die das eigentliche Kunstwerk erst entstehen lassen. Der Betrachter wird zum freien Agenten in einer offenen, fremdartigen Welt, die von den Künstlern gestaltet worden ist. Das Kunsterlebnis fügt sich mit den Handlungen eines jeden Einzelnen immer wieder neu und einzigartig zusammen. Es dauert als solches nur solange an, wie es vom Betrachter erzeugt und vollendet wird.

ESCAPE (2012) konfrontiert den Besucher mit der Thematik des Versteckens, der Flucht, aber auch des Gefangen
seins. Fasziniert von den Raumvorgaben realisieren CHRISTA SOMMERER & LAURENT MIGNONNEAU die Idee
eines natürlichen Fluchtvorgangs in das steril wirkende, lebensfeindliche und dennoch im Ernstfall Leben erhaltende
Umfeld des Zivilschutzbunkers. Die gedankliche Flucht aus der Starre einer Gefangenschaft unter Tage
gelingt in der dynamischen Entwicklung wuchernder Lebendigkeit. Das bedrückende Dunkel des Bunkers wird
umgedeutet als luminoser Kokon, aus dem das Kunstwerk entspringt. Ein antiker Projektor, der sein Bild auf
eine alte Leinwand wirft, erscheint wir ein Souvenir aus vergangen Tagen, zurück gelassen zu einer Zeit, lange
bevor der Schutzbunker gebaut worden ist: ein Relikt, das eine Geschichte erzählen, die dort schon immer und
gleichzeitig noch nie statt gefunden hat.

Ähnliche Eindrücke hält EXCAVATE (2012) bereit. Der Besucher ist aufgefordert mit einer antiken Laterna Magica
insektenartige Lebewesen auf die Höhlenwände der Kaverne zu projizieren und diese im Strahl der Lampe herumkrabbeln
zu lassen. Die nostalgische Geste lässt die feuchte abweisende Kälte des Raumes weichen.
Das Leben, das den Ausstellungsorten von The View Contemporary Art Space mit den interaktiven Arbeiten von
CHRISTA SOMMERER & LAURENT MIGNONNEAU eingehaucht wird, erscheint gleichermaßen über- und unnatürlich:
eine Zauberei, die so sehr im Realen verhaftet ist, dass die Wirklichkeit nach einem Besuch dieser Wunderkammern
wieder ein bisschen magischer wird.


Text: Anna Emmerling